Der Maler und Grafiker Josef Madlener wurde am 16. April 1881 in dem Dorf Amendingen, heute ein Stadtteil von Memmingen, als achtes Kind einer Allgäuer Bauernfamilie geboren. Schon in der Schule zeigte sich sein Talent fürs Zeichnen und Malen von Tieren und seiner ländlichen Heimat. Mit 13 Jahren beginnt er eine Lehre als Dekorationsmaler, mit 17 besucht er die Kunstgewerbeschule in München, anschließend studiert er an der Akademie in München. Danach ist Josef Madleners Werdegang insofern besonders, da er nicht – wie sonst üblich – in der Großstadt seiner künstlerischen Karriere nachgeht, sondern ins Allgäu, nach Amendingen zurückkehrt, und von dort aus bis zu seinem Lebensende lebt und malt. Er wird sehr wohl Mitglied der berühmten Münchner Künstlergenossenschaft, stellt seine Bilder regelmäßig im Glaspalast oder auch im Bayerischen Nationalmuseum aus, aber er bleibt eben seiner Allgäuer Heimat treu, er braucht sie nicht nur zum Leben, sondern auch zum Arbeiten, denn sie ist das Fundament seiner Kunst, die in der Tradition der bayerischen Landschaftsmalerei steht. Hier, im Allgäu, entfaltet er seine ganz persönlichen Kunststil, denn er war ein ausgesprochen religiöser Mensch, der eine innere, tief empfundene Beziehung zur Natur hatte.
Wir alle wissen, dass München um 1900 herum mit der Secession, dem Jugendstil und der Künstlergruppe des Blauen Reiters ein Zentrum der sich entwickelnden modernen Kunst gewesen ist. Gleichzeitig aber gab es damals zwei andere wichtige Strömungen in der Münchner Kunstszene, die in den nächsten Jahrzehnten für Josef Madlener von großer Bedeutung geworden sind: zum einen die Bewegung zur Erneuerung der christlichen Kunst zum anderen die Entdeckung der Volkskunst. Diese beiden Strömungen organisierten sich in verschiedenen Vereinen – wie zum Beispiel der „Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst“ (die bis heute existiert und ihren Sitz am Wittelsbacher Platz hat) oder dem „Verein für Volkskunst und Volkskunde“, die wiederum beispielgebende Wanderausstellungen und Wettbewerbe organisierten, aber auch Jahresmappen und vereinseigene Zeitschriften herausgaben, in welchen Josef Madlener in diversen Beiträgen Erwähnung findet. Die Einflüsse der Volkskunstbewegung zeigen sich bei Madlener übrigens nicht nur in seinen Bildern, sondern auch in seinem Wohnhaus, welches 1913 nach eigenen Entwürfen des Künstlers im sogenannten Heimatstil mit einem langgezogenen Walmdach und kleinen Erkern und Fenstern mit Butzenscheiben gebaut wurde.
Vor allem in diesem Zusammenhang ist der Zyklus der Weihnachtsbilder zu sehen, die Madlener in den 1920er Jahren gemalt hat. In immer neuen Varianten gestaltete er dieses Lieblingsthema rund um das Weihnachtsfest. Die Bilder strahlen einen kindlichen Zauber aus. Wir sehen das kleine Christuskind im weißen Priestergewand und mit Heiligenschein auf einem Esel durch die tiefverschneite Allgäuer Landschaft reiten oder von Engeln begleitet in eine kleine verwinkelte Stadt einziehen, die einfache Bauernstube weihnachtlich schmücken oder als himmlische Erscheinung von Wolken getragen über die Bildszene schweben. Fast alle diese Weihnachts- und Krippenbilder sind in Reproduktionen erschienen, die meisten davon in dem katholischen Verlag Ars sacra von Josef Müller in München. Ende der 1920er Jahre hatte die Verlegersfrau Maximilane Müller die Idee, religiöse Kinderbücher herauszugeben. Den Auftakt machten zwei Bilderbücher, die pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 1928 – also vor genau 80 Jahren - erschienen sind: „Das Christkind kommt. Ein Weihnachtsbuch für Kinder von 1-80 Jahren“ und „Die erste Weihnacht“, beide geschrieben von der Kinderbuchautorin und Pädagogin Marga Müller sowie illustriert mit den Weihnachtsbildern von Josef Madlener. Diese Weihnachtsillustrationen von Madlener wurden – wie im Verlag Ars sacra üblich – auch für die Herstellung von Andachtsbildchen und Postkarten mehrfach verwertet.
1930 begann der Verlag Ars sacra mit einem neuen Konzept für seine kleinen Andachtsbildchen. Diese nannte man nun selbstbewusst „Künstlerbildchen“. Durch die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Malern und dem Aufdruck der Künstlernamen auf die Bildchenvorderseite, gelang es den Verlegern im Bereich der Massenbildproduktion dem Verlag Ars sacra ein eigenes Profil zu geben und trotzdem den populären Geschmack zu treffen.
Ein großer Anteil der Andachtsbildchenproduktion von Ars sacra war für Kinder gedacht. Dabei hatten die Weihnachtsbilder von Madlener mit ihrem durchaus kindlich-naiven Motiven besonders großen Erfolg. Eigentlich sollten die Andachtsbildchen eben Andacht und Frömmigkeit fördern, doch ein gewisser spielerischer Effekt blieb nicht aus: Die farbigen Bildchen wurden – nicht selten auch als Zeitvertreib während des Gottesdienstes - zum beliebten Sammel- und Tauschobjekt für Kinder. In diesem Sinne waren die Bildchen Vorläufer der heute von den Kindern so beliebten Stickerserien, Fußballersammelbildern oder Yugioh-Karten. Die Madlener-Bildchen jedenfalls gehörten bis weit in die 1960er Jahren zu den Lieblingsbildchen der Kinder und hatten für sie einen großen Sammlerwert.
Am 27. Dezember 1967, also mitten in der Weihnachtszeit, ist Josef Madlener mit 86 Jahren in seinem Heimatort Amendingen verstorben. Doch seine Bilder haben noch heute eine ausgesprochen stimmungsvolle Wirkung und laden uns ein, sich auf eine etwas ruhigere Adventszeit und die festliche Atmosphäre des Weihnachtsfestes einstimmen zu lassen.
Constanze Lindner Haigis, München
→ Christkind - Englein - Rehlein. Populäre Bildwelten Josef Madleners